30 Jahre Tschernobyl: Wie sicher ist Kernkraft?

30 Jahre Tschernobyl: Wie sicher ist Kernkraft?

Am 26. April 1986 zeigte sich erstmals das Ausmaß eines Unfalls bei der Nutzung von „friedlicher“ Atomkraft. Während Kernenergie bis dato weltweit den Ruf der sauberen Energiequelle ohne große Risiken genoss, änderte sich dies nun mit den Ereignissen von Tschernobyl schlagartig. Der Reaktorblock 4 wurde, als er 1983 in Betrieb genommen wurde, keinem Sicherheitstest unterzogen. Erst am 25. April 1986 sollte dieser endlich nachgeholt werden – doch erneut gab es einige Komplikationen und der Sicherheitstest verzögerte sich. Also sollte die mit weniger Mitarbeitern besetzte Nachtschicht ihn am Folgetag, den 26. April nachholen. Doch es traten Probleme auf – und die Techniker, die gar nicht an größere Unfälle gedacht hatten, brachten den Reaktorblock 4 zur Explosion. Binnen weniger Minuten verteilte sich die radioaktive Strahlung großflächig in der Umgebung – dennoch konnte niemand diese Gefahr so richtig einschätzen. Und so wurde der Atomunfall zu einer riesigen Bedrohung für die Menschen, insbesondere die Anwohner des Atomkraftswerks in der Nachbarstadt Prypjat.

Prypjat war eine junge und aufstrebende Stadt. Das Durchschnittsalter der rund 49.000 Einwohner betrug nur 26 Jahre und jährlich wurden über 1.000 Kinder geboren. Neben den überdurchschnittlich vielen Schulen, Kindergärten und Spielplätzen gab es selbst einen kleinen Freizeitpark für die unzähligen jungen Familien. Nur zwei Kilometer trennte die Kleinstadt von dem Kernkraftwerk Tschernobyl – und die stand nun vor einer großen, unsichtbaren Gefahr.

Von Anfang an wurde die Katastrophe deutlich unterschätzt. Noch in der Nacht wurde der Brand gelöscht – von ganz normalen Feuerwehrleuten, die auf Atomare Brände so gut wie gar nicht vorbereitet waren und ohne jeglichen Schutz in das Kraftwerk mussten. Bis man den Ernst der Lage wirklich erkannte und die Anwohner des Kernkraftwerks evakuierte, vergingen ganze 36 Stunden. Bis dahin wurden schon unzählige Menschen von der Strahlenkrankheit erfasst. Die Folgen der Reaktorkatastrophe dauern bis heute an, große Gebiete sind noch immer nicht betretbar und werden es auch noch lange bleiben. Bereits seit Jahren bröckelt der Betonsarkophag, der nach dem Unglück relativ schnell um das Kraftwerk von Tschernobyl gezogen wurde. Deshalb lässt die ukrainische Regierung derzeit eine neue Ummantelung aus Stahl bauen, die bald fertig gestellt sein soll.

Trotz Tschernobyl bleibt Kernkraft „sicher“

Doch auch damals wurden immer noch die Risiken der Kernkraft verharmlost. Innenminister Friedrich Zimmermann sagte in der Tagesschau vom 29. April 1986, eine Gefährdung für die Bundesrepublik sei auszuschließen, direkte Gefahr gebe es nur innerhalb eines Radius von 30-50 Kilometern. Ein vergleichbares Unglück sei seiner Meinung nach komplett auszuschließen, die deutschen Kernkraftwerke seien die teuersten und besten der Welt. Fast eine Art Antwort darauf ist der im Jahr 1987 erschienene Roman „Die Wolke“ von Gudrun Pausewang, der sich mit dem Szenario eines Atomunfalls im (mittlerweile abgeschalteten) Kernkraftwerk Grafenrheinfeld beschäftigt und zu einem Bestseller wurde. Das Werk ist ein Beispiel dafür, wie von nun an die von Kernenergie ausgehende Gefahr im öffentlichen Bewusstsein seinen Platz fand.

Risikofaktor Mensch

Doch dabei geht es gar nicht mal nur unbedingt um technische Sicherheitsvorrichtungen. Es mag ja durchaus sein, dass die technischen Sicherheitsvorrichtungen in vielen Atomkraftwerken weltweit guten Schutz geben, aber erstens gibt es nie einen hundertprozentigen Schutz (weshalb Atomkraftwerke auch allgemein immer eine Art Risiko sind) und zweitens waren sowohl in Tschernobyl, als auch in Fukushima nicht nur die Sicherheitstechnik unbedingt das Problem, sondern auch die Menschen, die sie bedienten. Sowohl in Tschernobyl als auch in Fukushima wurden Sicherheitsmaßnahmen viel zu spät eingeleitet, weil die Lage oft unterschätzt wurde.

Was sagt uns das also? Kernenergie kann gar nicht hunderprozentig sicher sein. Selbst wenn es überragende technische Sicherheitsvorrichtungen gibt, ist der Mensch immer noch ein großer Risikofaktor, denn er hat die Macht über all diese Technik. Theoretisch gesehen könnte sich doch jederzeit wieder ein solcher Atomunfall ereignen, auch wenn sich die Technik durch den Fortschritt der letzten 30 Jahre verbessert hat.

Deutschland steigt aus Atomenergie aus

Die Bundesregierung beschloss nach dem Unglück von Fukushima den Ausstieg aus der Erzeugung von Kernenergie. Nachdem zahlreiche Kraftwerke in den letzten Jahren stillgelegt wurden, sind bis dato noch acht Kernkraftwerke am Netz. Bis Ende 2022 sollen alle verbleibenden Kraftwerke ebenfalls abgeschaltet werden, doch auch danach werden wir uns noch lange mit dem radioaktiven Müll, der bei der Erzeugung von Kernenergie entsteht, beschäftigen müssen. Dieser wird nämlich noch einige hunderte Jahre strahlen – und uns damit vor die Frage stellen, wie wir ihn korrekt entsorgen sollen. Bisher gab es dafür die Endlager Asse II und Morsleben, in dem alten Salzbergwerk Asse tritt jedoch Wasser ein, was es für ein Lager gefährlich macht. Morsleben hingegen ist instabil, 2001 lösten sich dort 5.000 Tonnen Gestein von der Decke und auch im Jahr 2009 gab es noch einmal einen kleinen Einsturz. Daher soll nun das ehemalige Eisenerz-Bergwerk Konrad im Stadtgebiet Salzgitter zu einem Endlager umgerüstet werden. Währenddessen ist das Bundesamt für Strahlenschutz damit beschäftigt, die vielen Atommüllfässer wieder aus Asse und Morsleben zu bergen und die Bergwerke abzusichern – was noch eine ganze Weile dauern wird.

Während Deutschland nun aber wenigstens auf den Ausstieg aus der Kernenergie setzt, setzen andere Länder der Welt auf den Ausbau der Kernenergie. Nach der World Nuclear Association sind derzeit 64 Kraftwerke weltweit in Bau (Stand April 2016). Vor allem China setzt auf Kernenergie, aber auch Indien, Russland und die USA sind noch immer stark mit dem Ausbau beschäftigt. Der Vorteil der Kernkraft liegt für viele Länder klar auf der Hand: Günstig viel Strom. Die Nutzung „sauberer“ Energieformen ist deutlich kostenintensiver und rechnet sich auch nicht immer, so sind z.B. Photovoltaikanlagen bei Regen oder trüben Tagen relativ unbrauchbar und wenn der Wind nicht weht, ist auch an Windkraftanlagen nicht zu denken. Das schließt schon mal einige Gebiete der Welt aus, in denen es klimatisch bedingt etwa zu viel Niederschlag kommt.

Zukunft Kernfusion?

Trotz alledem setzen wir auf einen Wandel zu sauberer Energie und forschen sogar an neuen Formen der Energiegewinnung. Wendelstein 7-X ist ein Beispiel dafür. In der Greifswalder Anlage wird versucht, Wasserstoffatome zu Heliumatomen verschmelzen zu lassen – ähnlich wie auf der Sonne. Dadurch kann theoretisch unendlich viel Energie erzeugt werden – doch bis die Technologie so weit erforscht ist, wird noch viel Zeit vergehen.

So könnte Deutschland zu einem Vorreiter in Sachen Atomausstieg werden und vielleicht der Welt ein positives Beispiel für eine gelungene Energiewende bringen. Aber auch das wird noch viele Jahrzehnte dauern, bis wir dann eventuell günstige Lösungen für sauberen Strom präsentieren können. Bis dahin wird Atomstrom wohl die sehr günstige und effektive Lösung für die Welt bleiben – und die risikoreichste.

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