Jan Böhmermanns Schmähgedicht

„Schmähgedicht“: Was darf Satire?

Was darf Satire? Und wo sind ihre Grenzen? Kurt Tucholsky sagte einst, Satire kenne keine Grenzen und dürfe alles. Dass einige dies anders sehen, dürfte spätestens seit dem Erdogan-Lied des Satire-Magazins „extra 3“ klar sein. Nach Informationen von Spiegel Online zitierte die Türkei den deutschen Botschafter Martin Erdmann zu sich, nachdem das Lied im Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde. In ihm wurde sich über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan lustig gemacht – und vor allem das Thema Pressefreiheit angesprochen, mit dem die Türkei jüngst Aufsehen erregte. Nachdem sich jedoch viele deutsche wie europäische Politiker, darunter auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz hinter das Satire-Magazin stellten, flaute die (öffentliche) Aufregung über die Sendung schnell ab. Doch kurz darauf machte jemand Neues auf sich aufmerksam – es war der Moderator Jan Böhmermann, der in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ vom 31. März 2016 ein Gedicht über Erdogan schrieb – und ihn dabei mitunter stark diffamierte. Schon am darauffolgenden Tag nahm das ZDF den entsprechenden Beitrag aus der Mediathek.

Immer noch diskussionswürdig

Nun ist besagte Sendung schon eine gewisse Zeit vorbei und ich habe mir die Frage gestellt, ob es sich überhaupt noch lohnt, darüber etwas zu schreiben – schließlich versuche ich ja, aktuell zu bleiben und keine zwei Wochen alte Themen aufzuwärmen. Doch das Thema ist nicht abgekühlt, es ist immer noch sehr heiß. Noch immer gibt es fast täglich neue Meldungen zu dem Gedicht und erst heute forderte die Türkei ein Strafverfahren für Jan Böhmermann. Insofern macht es schon Sinn, sich noch immer Gedanken zu machen, ob das denn gerechtfertigt ist – oder ob es sich nicht lohnt, Satire zu schützen und unsere Presse- und Meinungsfreiheit zu sichern.

In Hinblick auf das Gedicht stellt sich jedoch die Frage: Was ist überhaupt Satire? Ist es noch Satire, ein offenkundiges Schmähgedicht zu schreiben und im Fernsehen vorzulesen? Viele Personen, darunter auch der Axel Springer-Chef Mathias Döpfner sehen es so und fordern Solidarität mit Böhmermann. Dass das Schmähgedicht offen beleidigend ist, sei Sinn der Sache gewesen. Denn Böhmermann wollte ja zeigen, was in Deutschland nicht erlaubt ist (nämlich eben jenes Gedicht) und was wiederum die Grundbasis von Demokratie sei – Meinungs- und Pressefreiheit, Satire besonders eingeschlossen. Doch ehrlich gesagt stellt sich da einem manchmal die Frage, was dabei der Sinn sein soll. Jeder normale Mensch sollte doch wissen, was erlaubt ist und was nicht. Was eine niveau- und sinnlose Beleidigung ist, die einen Menschen nur diffamiert und keinen objektiven Hintergrund hat, das kann wohl jeder normale Mensch unterscheiden. Ich traue Deutschland zu, zu erkennen, was eine Beleidigung und was Kritik/Satire ist. Brauchen wir denn dazu noch jemanden, der es uns erklärt und mit Beispielen unterlegt? Nein, das denke ich eher weniger.

Jan Böhmermanns Schmähgedicht: Misslungene Aktion

So ist Jan Böhmermanns neuester Streich, das Schmähgedicht, ein Schuss in den Ofen. Beim Versuch, Fernsehdeutschland erneut auf sich aufmerksam zu machen, haben er und das Team seiner Sendung sich diesmal selbst überschätzt. Die Aktion vermittelt dem ein oder anderen eher den Eindruck, es war ein Anlauf, noch einmal etwas auf das Lied von „extra 3“ drauf zu setzen und noch mehr zu provozieren. Doch es ist nicht geglückt. Denn der Unterschied zwischen dem Gedicht und dem Lied von „extra 3“ ist, dass das Lied einen kritischen Hintergrund hat und versucht, Dinge anzuprangern. Das Gedicht ist substanzlos und wird damit begründet, zu erklären, was eine verbotene Beleidigung ist – doch das sollte schon jeder Mensch selbst wissen.

Klar, es ist Aufgabe der Satire, Dinge anzuprangern. Sie darf dabei agressiv und provozierend sein und durchaus übertreiben. Doch nicht alles, was provoziert und übertreibt, ist auch Satire.

Empfehlen in den sozialen Netzwerken:

One thought on “„Schmähgedicht“: Was darf Satire?

  1. Ich denke, ich verstehe Ihre Kritik an dem Schmähgedicht, stimme ihr aber nicht zu.
    Ja Herr Böhmermann hat mit dem Gedicht maßlos übertrieben und es ist beleidigend, unfair und teilweise etwas rassistisch.
    Nur hier ist das ABER sehr groß.
    Der Kontext ist hier sehr wichtig.
    Wie Sie bereits schrieben, wollte Böhmermann in seiner Sendung auf die Grenzen von Satire aufmerksam machen und auch mögliche Überschreitungen aufzeigen.
    Hier geht es aber nicht direkt darum, ob das deutsche Publikum die Grenze zwischen Satire und Beleidigung versteht, sondern ob Erdogan dazu in der Lage ist. Es bezieht sich nämlich direkt auf das Lied von extra 3, welches klar satirisch ist.
    Das Gedicht sollte in satirischer Weise darlegen, wo die Grenzen sind, da Erdogan selbst dies offenbar nicht versteht.
    Und zu dem Verständnis des deutschen Publikums gibt es auch noch etwas zu sagen.
    Ihre Aussage ist nämlich zumindest für das Studio-Publikum nicht korrekt.
    Wer die Sendung gesehen hat weiß, dass Böhmermann ausgiebig betonte, dass er das Gedicht so nicht ernst meine.
    Trotzdem brach das Publikum nach dem Gedicht stumpfsinnig in Applaus aus, wie es das immer tut wie mir scheint, und Böhmermann selbst versucht es davon abzuhalten, weil dieses Gedicht natürlich nicht zum klatschen sei.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.